Monatsspruch für November

Meine Zeit steht in deinen Händen. (Psalm 31, 16)

Das vergehende Jahr erinnert an die vergehende Zeit. Dunkle Herbsttage, sterbende Natur. So manche Menschen stehen an diesen Tagen an Gräbern. Sie hängen ihren Erinnerungen nach. Wünschen sich vergangenes Glück zurück. Möchten noch einmal beginnen, Fehler vermeiden, wieder gut machen, was verfehlt wurde.

Wäre das ein Ziel: Zeit zu haben? Ohne die Grenze des Todes Zeit zu haben? Alles im Leben zu einem guten Ende bringen können. Es schmerzt, wenn Menschen – manchmal erst im Alter – sehen müssen, wie ihr Lebensplan, die Leistung ihres Lebens von anderen weggeschoben wird. Könnten Menschen anders – besser – alt werden, wenn sie sehen: Meine Mühe hat sich gelohnt? Wer möchte nicht von seinen Erfahrungen weitergeben? Vielleicht sogar von seinen Fehlern, damit andere davor bewahrt bleiben? Könnte nicht ein Mensch dem anderen die Zeit seines Lebens leichter machen – das Leben, das Altwerden und womöglich sogar das Sterben, wenn mit seinem Wollen und Schaffen freundlicher, liebevoller umgegangen würde?

Aber ist das überhaupt ein Ziel – Zeit haben, viel Zeit haben? Manche Menschen leiden darunter, dass sie zu viel Zeit haben. Andere klagen: Ich habe zu wenig Zeit. Was wäre, wenn wir Menschen unbegrenzt Zeit hätten? Das Haus erfordert doch wieder neu meine Arbeit. Der Garten wächst anders, als ich ihn angelegt habe. Die Kinder werden zu eigenen Menschen, die nicht bloß durch meinen Einfluss geprägt sind. Ich bleibe zurück hinter meinen Zielen. Ich bekomme ein Stück Welt unfertig übergeben, arbeite daran, so gut ich kann, und muss doch etwas Unfertiges aus der Hand legen. Es scheint zum Verzweifeln. Muss das so sein?

Es gibt ein altes deutsches Wort, das Zeit und Ewigkeit zusammenschließt: „Einst“. Mit ihm fangen sowohl Sätze der Vergangenheit an wie der Zukunft an: „Einst lebte ein mächtiger König“. Und ebenso kann es heißen: „Einst wird Frieden auf Erden sein.“ Einst – das verbindet meine Ziele, meine Zeit mit vergangenem und zukünftigen Zeiten und Zielen. Wenn ich meine Kraft einsetze, soll ich mich nicht sorgen, ob auch ja das Richtige daraus wird. Einst – da lerne ich aus dem Vergangenen, da leide ich an der Unvollkommenheit, da gebe ich Hoffnungen und Träume weiter an die Kommenden.

Einst – das verbindet Zeit und Ewigkeit.

Ihre Pastorin Evelin Franke

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